"Der schnelle technische Wandel ist eine große Herausforderung"

Für Kinderseitenbetreiber ist die rasante Entwicklung der mobilen Mediennutzung Ansporn und Hürde zugleich. Die Verfügbarkeit von hochwertigen und medienkompetenzfördernden Angeboten ist wichtiger denn je, zugleich bringt der Trend zu mobilen Endgeräten eine ganze Reihe von Möglichkeiten und Anforderungen mit sich.

Gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Medienpraxis hat deshalb die Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten Seitenstark am 13. Juni in Köln unter dem Thema "Mobil gut aufgestellt für die Zukunft – Kinderseitenlandschaft im Umbruch" darüber diskutiert, welche Entwicklungen angestoßen werden müssen, um die Kinderseitenlandschaft in Deutschland nachhaltig weiter zu entwickeln. Screenshot www.teachtoday.deTeachtoday sprach mit Helga Kleinen, Vorstandsvorsitzende des Seitenstark e.V., über die Herausforderungen, die Kinderseitenbetreiber heute meistern müssen und wie wichtig qualitativ hochwertige Angebote für die Medienkompetenz von Kindern sind.

Frau Kleinen, gehen wir erst einmal einen Schritt zurück: Was macht heute überhaupt eine gute Kinderseite aus?
Kinder sind neugierig. Im Internet wollen sie spielen, sich miteinander austauschen, spannende Geschichten, Wissen und Informationen finden, die für sie relevant sind und die leicht verständlich, attraktiv, aktuell sowie möglichst interaktiv präsentiert werden. Gute Kinderseiten bieten eine kindgerechte Sprache in Text, Bild und Ton zu bunten Themen, die Kinder interessieren. Eine ansprechende Webseitenstruktur und Navigation machen es Kindern leicht, sich online zu orientieren. In Fragen des Kinder- und Jugendmedienschutzes sollten sie Wert auf einen hohen Standard legen und dies den Kindern gegenüber transparent machen. Denn Sicherheit hat oberste Priorität bei der aktiven Beteiligung von Kindern, z. B. in Chats, Foren oder bei Wettbewerben - und natürlich bei der Erfassung von Daten oder bei der Schaltung von Werbung.

Durch Ihre langjährige Arbeit haben Sie einen sehr guten Einblick in die deutsche Kinderseitenlandschaft. Vor welchen Problemen stehen heute die Anbieter solcher Seiten?
Deutschland bietet im europäischen Vergleich eine ausgesprochen attraktive und vielfältige Kinderseitenlandschaft. Wenn Sie allein die Geschichte unseres bundesweiten Netzwerkes betrachten, das sich 2003 mit vier Kinderseiten gründete und in dem sich heute über 60 Kinderseiten engagieren, kann man von einer echten Erfolgsgeschichte sprechen. Dennoch kämpfen viele Kinderseiten heute tagtäglich ums Überleben - und auch um ihre Daseinsberechtigung. Wenn sie sich lebendige Redaktionen leisten, weil sie auf Aktualität Wert legen - vor allem aber, wenn sie aus Überzeugung Kinder selbst zu Wort kommen lassen und aktiv beteiligen wollen, wissen die meisten Seiten nicht, wie sie solche Angebote langfristig finanzieren sollen. Ein großes Problem ist nach wie vor auch, dass die vielen guten Kinderseiten in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig sichtbar sind. Häufig werden sie von anderen Medienschaffenden, von Medienpädagogen, Lehrkräften, Eltern und Verantwortlichen in Behörden nicht als das wahrgenommen, was sie sind - und was sie alles leisten könnten, wenn mit ihnen konstruktiver und enger zusammenarbeiten würde.

Medienkompetenzbildung ist heute quer durch alle Lebens- und Lernbereiche ein wichtiges Thema. Was bedeutet das für die Kinderseitenlandschaft?
Gerade hier spielt sie eine zentrale Rolle. Wo, wenn nicht online sollen Kinder durch learning-by-doing die notwendigen Kompetenzen zur Teilhabe und Teilnahme an der digitalen Gesellschaft erlangen? Dafür braucht es kindgerechte, sichere sowie fehlertolerante Räume und Angebote, die ihnen die Kinderseiten bieten können. Die Alternativen für Kinder zu Wikipedia, YouTube oder Google heißen bei Seitenstark: Klexikon.de , juki.de und blinde-kuh.de.

Wie unterstützen Sie als bundesweites Netzwerk die einzelnen Kinderseitenbetreiber?
Seitenstark versteht sich als Dachverband und Lobbyeinrichtung für die Kinderseiten und möchte deren Interessen nach außen und insbesondere in die Politik hinein gut vertreten. Lassen Sie mich unsere Arbeit an einigen Projektbeispielen vorstellen. Mit dem Hilfeportal wir-machen-kinderseiten.de öffnen wir unser Netzwerk nach außen und bieten Rat und Hilfe für alle Kinderseiten an. Experten aus den verschiedensten Bereichen sind eingeladen, die Kinderseitenlandschaft über das Portal mit ihrer Expertise zu unterstützen.

Logo AdKidsEin weiteres Projekt ist Adkids.de – das Werbenetz für Kinderseiten, mit dem wir zwei Ziele verfolgen: Erstens bekommen auch kleine Kinderseiten eine Möglichkeit, sich zumindest anteilig über Werbung zu finanzieren. Zweitens setzt AdKids über die Bereitstellung von Tools wie den AdKids-Rahmen Handlungsempfehlungen für den Jugendmedienschutz in die Praxis um und fördert damit die Werbekompetenz der Kinder. Beispiel drei zielt auf das Sichtbar-Machen qualitätsvoller Kinderseiten.

 

Mit dem Tag der Kinderseiten am 21. Oktober lenken wir die öffentliche Aufmerksamkeit über einen Aktions- und Jahrestag auf die attraktive Kinderseitenlandschaft. Kinder, Eltern, Lehrkräfte, Pädagogen sind aufgerufen, die große Vielfalt zu entdecken - und die Presse hat einen besonderen Anlass, über die vielen wunderbaren Kinderangebote im Netz zu berichten. Neben diesen sehr konkreten Projekten und der Netzwerkarbeit mit Netzwerktreffen, Arbeitskreisen und der Vereinsarbeit greifen wir auch aktuelle Themen in Veranstaltungen und Publikationen auf.

Die digitalen Medien haben sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Inhalte werden zunehmend interaktiver. Kinder und Jugendliche sind heute mit ihren Smartphones länger online und das meist ohne Begleitung durch ihre Eltern. Welche Auswirkungen hat das auf Betreiber von Kinderseiten?
Der schnelle technische Wandel bedeutet für die Kinderseiten in der Tat eine große Herausforderung. Viele wissen nicht, wie sie hier mithalten sollen, bei welchen Entwicklungen man unbedingt mitgehen muss und bei welchen wir vielleicht nur einen Hype erleben. Wichtig ist es, die Betreiber hier nicht alleine zu lassen, sondern sie insgesamt auf ihrem Weg in die Zukunft mit Rat und Tat zu begleiten und auch finanziell zu unterstützen. Fatal wäre es, die reiche Vielfalt der Kinderseitenlandschaft – das Kulturgut, was mühsam aufgebaut wurde, leichtfertig aufs Spiel zu setzen, weil man schnellen technischen Trends hinterherhechelt.

Wie beeinflusst die mobile Mediennutzung die medienkompetente Förderung von Kindern?
Technik, also mobile Endgeräte, Apps oder Messenger-Dienste, sind „nur“ Werkzeuge, Instrumente, die einem bestimmten Zweck dienen. Letztlich kommt es aber immer auf den Sinn und Zweck und besonders auf die Inhalte an, die transportiert werden sollen! Als Kultur- und Bildungsgesellschaft, die wir ja sein wollen, müssen wir Ziele definieren und formulieren, was wir als Gesellschaft brauchen, um unsere Kinder für die digitale Welt fit zu machen. Im Netz bilden sie sich ihre Meinung, im Netz pflegen sie soziale Kontakte, im Netz werden sie die Zukunft organisieren und gestalten. Wie sie das heute, morgen und in Zukunft tun, das darf uns nicht egal sein. Was sollen unsere Kinder online lernen? Was sind Werte, die wir ihnen online vermitteln wollen? Demokratie und respektvollen Diskurs lernen, Empathie für Mitmenschen entwickeln, Mitbestimmung einüben, Zugang zu freier Bildung, Bildungs- und Chancengerechtigkeit - das alles sind Stichworte, die man bei einer Neuausrichtung der Kinderseitenlandschaft im Kopf haben muss, um jetzt richtige Wege einzuschlagen.

Ist die technologische Umsetzung von Angeboten heute deshalb komplexer - auch in Bezug auf das veränderte Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen?
Außer Frage steht, dass moderne Social-Media-Angebote schon auf ganz junge Kinder eine große Faszination mit Sogwirkung ausüben. Ihr Nutzerverhalten und ihre Nutzungsgewohnheiten verändern sich.Screenshot seitenstark.de/chat/ Hier gilt es jetzt zu überlegen, wie wir uns gemeinsam mit attraktiven Partizipationsangeboten für Kinder mobil gut aufstellen. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass einzelne Kinderseiten so etwas nicht leisten können, deshalb müssen wir, ähnlich wie wir es damals bei dem Aufbau unseres preisgekrönten Seitenstark-Chats gemacht haben, mit vielen guten und starken Partnern zusammenarbeiten, um neue, moderne und ebenso vorbildliche Angebote entwickeln zu können.


Das Interview führte Martin Daßinnies, Projektbüro Initiative Teachtoday.

Zur Person: Helga Kleinen (Diplom Kulturmanagerin, verheiratet, 3 Kinder) ist seit Oktober 2010 Vorstandsvorsitzende des Seitenstark e.V. Seit 2006 leitet sie das AUDITORIX-Projekt, ein Gemeinschaftsprojekt der Initiative Hören e.V. und der Landesanstalt für Medien NRW. Sie ist Vorstandsmitglied im Bundesverband Initiative Hören e.V. und führt deren Geschäftsstelle in Köln. Seit 1997 ist sie als Projektleiterin, Bildungsreferentin und Autorin für INITIATIVE HÖREN e.V. und Schule des Hörens e.V. tätig, konzipierte und organisierte für die beiden Träger zahlreiche Bildungsprojekte i. A. von Landes- und Bundesbehörden.

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